Bayern droht eine Stromschwemme
Atomkraft ist überflüssiger denn je, verhindert aber den Ausbau neuer Energietechnologien
Die Lobbyisten der Atomwirtschaft reden gerne davon, dass eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke eine Brücke zur Solarwirtschaft darstellen würde. Dies soll davon ablenken, dass die Laufzeitverlängerung ein gigantischer Profit für die vier Strommächte E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW wäre. Nach Berechnungen der Zeitschrift Capital (Heft 4/09) könnten die Atomkraftwerksbetreiber schon bei einer Laufzeitverlängerung um 8 Jahre (und einem angenommenen Strompreis von 8 Cent an der Strombörse) mit zusätzlichen Gewinnen von ca. 61 Mrd. Euro rechnen.
Tatsächlich würden die verlängerten Laufzeiten der Atomkraftwerke sich nicht als Brücke, sondern als Barriere erweisen und sogar die wenig ambitionierten Ziele der schwarz-roten Bundesregierung behindern. Dies soll beispielhaft an der stromwirtschaftlichen Situation Bayerns dargestellt werden – wohl wissend, dass der Strommarkt keine Landesgrenzen mehr kennt, sondern bundes- und europaweit Strom gehandelt wird.
Wir haben heute in Bayern in der Summe ein absolutes Stromüberangebot. Dies führt u. a. dazu, dass der Stromexport aus Bayern beständig zunimmt und nun den höchsten Wert seit 1985 erreicht hat. Wesentliche Ursache ist der anhaltende Zubau bei den Erneuerbaren Energien. Daher ist es bereits heute möglich auf das Atomkraftwerk Isar 1 zu verzichten, ohne dass Bayern zum Stromimportland wird.
Trotz Wirtschaftskrise ist nicht erkennbar, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien wesentlich gebremst würde. Zusätzlich werden in Bayern die bereits in Bau befindlichen Gaskraftwerke in Irsching mit 500 bzw. 800 MW Leistung in den nächsten Jahren ans Netz gehen. Es droht eine "Stromschwemme" mit der Folge, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien erschwert wird, wenn nicht endlich die alten (Atom)Kraftwerke vom Markt genommen werden. Eine Laufzeitverlängerung ist daher für die Entwicklung einer zukunftsfähigen, effizienten Energieversorgung auf der Basis erneuerbarer Energien objektiv schädlich.
1) Stromexport in Bayern auf neuem Höchststand
a) Die Stromproduktion in Bayern im Jahr 2007
Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung setzte sich die Stromerzeugung in Bayern im Jahr 2007 folgendermaßen zusammen:
- Kernenergie 48,8 TWh [1]
- Erneuerbare Energien 19,0 TWh
- davon
- Wasserkraft 12,9 TWh
- Biomasse 2,8 TWh
- Photovoltaik 1,3 TWh
- Deponie-, Klär-, Biogase 0,9 TWh
- Abfälle (biogener Anteil) 0,6 TWh
- Windkraft 0,5 TWh
- Gase 9,6 TWh
- Steinkohle, Braunkohle 4,6 TWh
- Mineralölprodukte 1,8 TWh
- Sonstige, Abfälle 0,6 TWh
- Summe 84,4 TWh
Die Stromproduktion hat in diesem Jahr um ca. 3,9 TWh (entspricht 4,8 %) zugenommen und damit einen neuen Höchststand erreicht.
Auffallend ist bei der bayerischen Stromproduktion, dass durch die Politik der Staatsregierung eine starke Abhängigkeit von einem Energieträger herrscht und der oft zitierte "ausgewogene Energiemix" alles andere als ausgewogen ist. Besondere Merkmale sind:
- der extrem hohe Atomstromanteil (ca. 58 %, Bundesdurchschnitt: 23 %),
- der hohe Anteil der erneuerbaren Energien dank der Wasserkraft (ca. 22,5 %, Bundesdurchschnitt: 14,0 %),
- sowie der vergleichsweise geringe Anteil an fossilen Brennstoffen in der Stromerzeugung (ca. 19 %, Bundesdurchschnitt: 62 %).
Bei der Betrachtung der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen sind im Hinblick auf den Klimaschutz zwei Aspekte wesentlich:
- der Einsatz von Mineralöl in der Stromversorgung (ca. 2 TWh) ist zu einem großen Anteil auf die Abdeckung des Spitzenbedarfs beschränkt.
- etwa 9 TWh der Stromerzeugung in Bayern erfolgt in Kraft-Wärme-Kopplung, d.h. in Kraftwerken, die Strom erzeugen und die dabei anfallende Abwärme nutzen, z.B. zur Wohnraumbeheizung oder für industrielle Prozesse)
Aus versorgungstechnischen Gründen ist es in absehbarer Zeit nicht sinnvoll diese Kraftwerke vom Netz zunehmen. Dies heißt in der Konsequenz, dass mittelfristig von den ca. 16 TWh Strom aus fossilen Brennstoffen maximal eine Strommenge von ca. 5 TWh überhaupt ersetzbar ist. Vermutlich ist aber auch dieser Wert noch zu hoch, da zum Lastmanagement, d.h. zur Regelung des unterschiedlichen Strombedarfs im Laufe eines Tages vorwiegend Gaskraftwerke zum Einsatz kommen.
b) Der Stromverbrauch in Bayern im Jahr 2007 und der Stromexport
Die Zahlen für den Stromverbrauch in Bayern liegen noch nicht offiziell vor. Nach inoffiziellen Angaben lag er bei 79,6 TWh, also um 4,8 TWh niedriger als die Nettostromproduktion. Ein Teil dieser 4,8 TWh werden als Pumpstrom für die Pumpspeicherkraftwerke benötigt. Jedoch kann von einem Stromausfuhrsaldo von ca. 4 TWh im Jahr 2007 ausgegangen werden.
Bayern ist schon seit vielen Jahren Stromnettoexporteur. Damit 2007 ist der Stromausfuhrsaldo so hoch wie seit mehr 20 Jahren nicht mehr. Das historische Hoch beim Stromexport war 1985, unmittelbar nach Inbetriebnahme der beiden AKW-Blöcke in Gundremmingen.
2) Absehbare Entwicklungen: Zubau der erneuerbaren Energien
Der Zuwachs bei den erneuerbaren Energien geht weiter. Im Jahr 2007 lag die Steigerung bei 12,8 %. Erneuerbare Energien legten um über 2 TWh auf insgesamt 19 TWh zur. Auch im statistischen Mittel liegt in Bayern die Zunahme beim Einsatz der erneuerbaren Energien in der Stromversorgung seit 2004 bei über 1 TWh jährlich.
Nach Branchenerhebungen kann man auch in 2008 mit Sicherheit von einer weiteren Zunahme um 1 TWh ausgehen. Dieser Zuwachs beim Strom aus erneuerbaren Energien wurde trotz anhaltender Blockade der Staatsregierung bei der Nutzung der Windenergie in Bayern erreicht.
Interessant sind auch die Erwartungen des Bundes der deutschen Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft (BDEW). Er rechnet in seiner Mittelfristprognose bis zum Jahr 2014 mit einem jährlichen Zuwachs von über 10 % bundesweit. Wenn man die noch unsichere off-shore-Windenergie nicht berücksichtigt, liegt der erwartete Zuwachs weiterhin bei über 6 % pro Jahr.
3) Absehbare Entwicklungen: Zubau neuer fossiler Kraftwerke in Bayern
Neue Kraftwerke gehen in Betrieb: Für dieses Jahr ist noch die Inbetriebnahme von Block 5 des Kraftwerks Irsching geplant. Es ist ein 800 MW-Block auf Erdgasbasis. Der Betreiber rechnet in seiner Kalkulation mit einer jährlichen Stromproduktion von 3 TWh. Sie könnte aber bis auf 5 TWh ausgeweitet werden. Für das Jahr 2011 ist die Inbetriebnahme von Block 4 des Kraftwerks Irsching geplant. Es ist ein 500 MW-Block ebenfalls auf Erdgasbasis. Der Betreiber rechnet in seiner Kalkulation mit einer jährlichen Stromproduktion von 2 TWh. Sie könnte aber bis auf 3 TWh ausgeweitet werden.
Dazu kommen Gaskraftwerksplanungen der OMV in Burghausen (800 MW), sowie von Electrabel in Schwandorf (800 MW). Beide Anlagen sollen nach Angaben der Betreiber im Jahr 2012 in Betrieb gehen.
Fazit 1: Bereits in diesem Jahr kann Bayern problemlos auf die Stromproduktion von Isar 1 verzichten und muss deshalb noch lange keinen Strom importieren.
Fazit 2: Im bayerischen Strommarkt gibt es ein eindeutiges Überangebot. Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung in den Markt zu bringen ist nur möglich, wenn das Überangebot reduziert wird. D.h. alte Anlagen – und das sind in Bayern fast ausschließlich Atomkraftwerke - müssen vom Netz genommen werden. Andernfalls können neue Energietechnologien gegen die alten, abgeschriebenen Anlagen, nur mit hohen Subventionen oder anderen Markteingriffen etabliert werden.
4) Die Ziele der schwarz-roten Bundesregierung
Im Rahmen ihrer Energie- und Klimaschutzpolitik hat sich die Bundesregierung im Stromverbrauch bis zum Jahr 2020 drei Ziele gesetzt:
- Reduktion des Stromverbrauchs um 11 %;
- Erhöhung des Anteils der Kraft-Wärme-Kopplung auf 25 %.
- Verdoppelung des Anteils der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch von 14 % auf 28 %)
Diese Ziele auf Bayern angewendet, haben für die Stromversorgung folgende Auswirkungen:
- der Stromverbrauch würde von 79,6 TWh auf 70,8 TWh sinken: Einsparung 8,8 TWh
- die Stromproduktion aus Kraft-Wärme-Kopplung würde von 9 TWh auf 17,7 TWh steigen: Zubau von 8,7 TWh
- die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist nicht eindeutig umzurechnen. Eine Verdoppelung des Anteils von bisher 22,5 % auf 45 % für Bayern zu fordern, erschiene angesichts des Vorteils der historisch ausgebauten Wasserkraft manchem zu anspruchsvoll. Andererseits wäre eine Steigerung auf den bundesweiten Durchschnitt von 28 % anspruchslos, da damit die historischen Erfolge bei der Wasserkraft zu einem geringeren Engagement heute führen würde. Darum wird hier ein "paralleles Wachstum zum Bund" also um 14 Prozentpunkte angenommen, d.h. der Anteil der erneuerbaren Energien im Strombereich soll von 22,5 auf 36,5 % wachsen. Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien würde demnach von jetzt 19 TWh auf dann 25,5 TWh steigen, also ein Zubau von ca. 6,5 TWh. (Das hieße der Zubau der erneuerbaren Energien verlangsamt sich in Bayern um 50 % im Vergleich zum Trend der letzten 5 Jahre!)
Die Stromerzeugung Bayerns nach den klimapolitischen Vorstellungen der Bundesregierung, mit einem sehr zurückhaltend angenommenen Wachstum bei den Erneuerbaren Energien und mit der sehr konservativen Annahme, dass alle derzeit bestehenden fossilen Kraftwerke ohne Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bis dahin stillgelegt würden, würde demnach folgendermaßen aussehen:
- Stromerzeugung gesamt 70,8 TWh
- davon aus erneuerbareren Energien 25,5 TWh36 %
- davon aus KWK17,7 TWh25 %
- davon aus den neuen Blöcken in Irsching5,0 TWh7 %
- davon aus Atomkraftwerken22,6 TWh32%
Fazit 3: Selbst bei konservativster Betrachtung der energiepolitischen Zielvorstellungen der Bundesregierung kann Bayern auf die Stromproduktion von drei seiner fünf Atomkraftwerke (z.B. Isar 1, Grafenrheinfeld, Gundremmingen B) verzichten.
5) Nachsatz
Die oben genannten Betrachtungen sind in mehrfacher Hinsicht sehr vorsichtig und konservativ gerechnet:
- Die genannten Zahlen beruhen noch auf Prognoserechnungen, aus der Zeit vor der Wirtschaftskrise. Bereits heute ist absehbar, dass auch der Energie- und Strombedarf deutlich einbrechen wird. Ein erstes Indiz: Die Stromproduktion von E.on ist im 1. Quartal 2009 um 4 % zurückgegangen.
- Hinzu kommt, dass gerade auch in der Krise Investitionen in nachhaltige Energieversorgungsstrukturen vorgenommen werden. Dies auch, weil bereits heute viele vor den Energiepreissteigerungen für die "Zeit nach der Krise" warnen.
- Das Potenzial der in Bayern weitgehend blockierten Windenergie wurde nicht mitberücksichtigt.
- Ebenfalls unberücksichtigt ist der Ausbau der Offshore-Windenergie. Deren Nutzung wird dazu führen, dass Windstrom aus Norddeutschland nach Bayern importiert werden kann.
- Schließlich ist absehbar, dass im nächsten Jahrzehnt die Photovoltaik die sogenannte "Grid-Parity" erreichen wird. Unter "Grid-Parity" (Netzparität, Netzgleicheit) versteht man, dass die Stromproduktion aus Solarzellen so billig wird, dass sie mit den normalen Haushaltskundentarifen der Stromversorger konkurrieren kann. D.h. für Privathaushalte ist es dann sinnvoller, den selbst produzierten Strom vom Dach zu verbrauchen, anstatt ins Stromnetz einzuspeisen. Dies wird einen massiven Schub für die Photovoltaik bringen.
Ludwig Hartmann, MdL
Energiepolitischer Sprecher
[1]
- Isar 1 6,7 TWh
- Isar 2 11,4 TWh
- Grafenrheinfeld 10,3 TWh
- Gundremmingen B 10,5 TWh
- Gundremmingen C 9,9 TWh
- 13. Mai 2009






